Dienstag, 3. Mai 2016

Neccara

  1. So kam ich in die Welt der Sterblichen
Ein unmelodischer Singsang katapultierte mich ins Hier und Jetzt. Sog mich aus meiner leeren Sphäre. Plötzlich stand ich in einem heulendem Verlies. Es stank nach Mensch und Schwäche. Nackt und hungrig stand ich im flackernden Schein weniger Kerzen. Ein dürrer Mann mit struppigen Haar und verkniffenen blauen Augen starrte mir auf die blanke Brust. Ich schloss die Augen und witterte sein junges Blut. Sah es pulsierend durch seine Adern fließen, köstlich. Wild schreiend stürzte ich mich auf ihn. Leuchtende Gebilde aus Runen, Dreiecken und Planetensymbolen blitzen auf und warfen mich scheppernd zurück. Hart kam ich auf den steinernen Boden auf. Keuchend schaute ich ihn hasserfüllt an. Höhnisch blickte er auf mich herab und schnitt sich mit einem Dolch in den Unterarm. Verlangend beobachtete ich das rubinrote Rinnsal, wie es langsam in den Kelch träufelte. »Hier!« Eilig verschlang ich das Wenige. Wie von Sinnen leckte ich das Gefäß bis auf den letzten Tropfen aus. »Du gehörst mir! Du gehorchst mir!« Knurrend widersprach ich. Gehässig lachend malte er mit seinem Blut eine weiteres Symbol in eins der Dreiecke. Augenblick durchflutete mich brennender Schmerzen, blaue Flammen tanzten auf meinem Leib. Schrill schrie ich in die Stille. So quälte er mich Nacht für Nacht, bis ich ihm gehorchte. Ich beschaffte dem armseligen Wurm Gold, manchmal auch Weiber. Ich tötete und quälte für ihn, doch daran laben durfte ich mich nicht. Das Übliche.
Ich wartete. Lauerte im schwarzen Nichts. Ich wusste, dass er mich nicht lange beherrschen konnte. Ich wusste er würde eines Tages trunken von Macht leichtsinnig werden. Meine Gier nach Freiheit stieg ins Unermessliche. 

Eines Nachts kehrte das Glück zu mir zurück. Er hatte die ganze Nacht gezecht und volltrunken vergaß er mein Gefängnis zu erneuern. Die Symbole verblassten. Ein läppischer Windhauch fegte sie hinfort. Leise schlich ich mich in sein Gemach. Berauscht vom schweren Wein lag er schnarchend in seinem Bett. Ich packte ihn. Grub genüsslich meine Krallen tief in sein welkendes Fleisch. Mit aller Kraft schleuderte ich ihn an die Decke. Ich hörte seine Knochen über mir bersten. Spitz schrie er auf. »Du armseliger kleiner Mensch!«, schnaufte ich außer mir. Ich ließ ich ihn zu Boden fallen. Wimmernd kauerte er vor mir, »Bitte!« Mit einer Handbewegung schleuderte ich ihn angewidert gegen die Wand. Glas brach, Kerzen stießen um, Bücher fielen dumpf zu Boden. Ein Wandteppich fing knisternd Feuer. Ich zog ihn zu mir heran. Klein und schlaff hing er vor mir in der Luft. Ich spürte seine köstliche Angst, sein Blut, seine Gier, ich wollte sie nicht. Lächelnd sah ich ihm in die Augen, spürte sein Leben durch meine Finger sickern. Zufrieden zerriss ich ihn wie Papier. 
So kam ich in die Welt der Sterblichen zurück. Ich blieb, fraß mich voll und wurde immer stärker. Ich wurde zu einer furchterregenden Schattenmythos, zu einem Geist der Wälder und Städte. Die Menschen hatten viele unschmeichelhafte Bezeichnungen und Namen für mich, aber Neccara gefiel mir bisher am Meisten. Doch ich bin älter als das schnöde Wort, als der Mond und die Sonne. Ich bin Teil der Unendlichkeit, des Chaos und des Nichts. Ich bin überall und nirgendwo. 
Mit einem Wimpernschlag vergingen die Epochen. Heute lebe ich in den großen Städten. Mein Hunger, das Leid, ja die Sehnsüchte der Menschen sind unstillbar. 
Auch Du wirst Dir eines Tages etwas wünschen, auch wenn er noch so klein oder nur flüchtig gedacht ist, dann werde ich Dich finden. Bevor es so weit ist, werde ich mich an anderen laben. Meine und Deine Geschichte wird erst beginnen.......
© Lorelay Lost

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