Sonntag, 1. Mai 2016

text extracts - Federfarbenfee / Mary Vianelli

Der beschönigende Filter ist verschwunden. Und mit ihm all die lärmenden, lachenden Menschen - bunte Luftballons in der einen und ihre Kinder an der anderen Hand. Verflogen, der köstliche Duft von gebrannten Mandeln. Die Musik hat längst aufgehört zu spielen. Nur der Nebel ist geblieben und sogar noch dichter geworden. Priska sieht kaum mehr die Hand vor Augen.
Einzelne verwaiste Fahrgeschäfte tauchen, düsteren Skulpturen gleich, erst dann unvermittelt aus dem grauen Nichts an die sichtbare Oberfläche, wenn Priska schon fast mit ihnen kollidiert.
Wie eine fremdartige Kreatur aus einer anderen Welt reckt ihr der Krake seine Fangarme entgegen. Die Gondeln sind leer und doch hallen in Priskas Ohren die kreischenden Schreie vom vergangenen Tage nach.
»Wie lange willst Du da noch rumstehen und versuchen, Löcher in den Nebel zu starren«, hört sie auf einmal eine leise Stimme hinter sich. Sie klingt seltsam vertraut und zugleich so, als würde ihr Besitzer sich an einem fernab gelegenen Ort befinden und durch die Sprechmuschel eines altersschwachen Telefons mit ihr kommunizieren.
Priska fährt herum. Er wartet im Kettenkarussell auf sie. Seine flackernde Gestalt wird von einem eigenartig lumineszierenden Schein umspielt.
»Was ist mit Dir? Du flimmerst wie ein schlecht übertragenes Fernsehbild.« Priska schwirren unzählige Fragen im Kopf umher. Dies ist die erste, die den Weg auf ihre Zunge findet, welche sich eigenartig fremd anfühlt.
»Es ist alles so unwirklich«, murmelt sie. »Bin ich wach oder träume ich?«
»Du kannst auch in Träumen wach sein«, antwortet Ranieri. Sein Lächeln spürt sie mehr, als dass sie es mit den Augen wahrnimmt. »Und zu Deiner ersten Frage: Du siehst mich in meiner jetzigen Gestalt. Im Traum vom alten Haus hast Du nur eine Erinnerung von mir mit eingeflochten. Gerade begegnen wir uns wirklich. Du träumst, aber ich bin echt.«
»Das verstehe ich nicht.« Ranieri spricht in Rätseln. Statt ihre Fragen zu beantworten, wirft er neue auf. Sie fühlt sich furchtbar müde und ausgelaugt. Es ist ihr, als stehe sie am Eingang eines mit unzähligen Fallen gespickten Labyrinths. Der Boden schwankt unter ihren Füßen und sie hat kaum die Kraft, sich aufrecht zu halten. Woher soll sie die Energie nehmen, sich durch diesen Irrgarten zu kämpfen?
»Wenn Du leben willst, bleibt Dir keine Wahl.« Ranieri klingt ungeduldig. »Komm endlich. Wir haben nicht mehr viel Zeit. Du wirst bald aufwachen.«
Er streckt ihr seine durchscheinende Hand entgegen. Eine Geste, die nur symbolisch gemeint sein kann. Priska ist sich sicher, dass ihre Finger ins Leere greifen, wenn sie tatsächlich versucht, ihn zu berühren.
»Wer ist Eleonore?« Priska macht ein paar Schritte auf ihn zu, doch sie scheint durch zähen Morast zu waten. Es dauert eine Ewigkeit, auch nur in seine Nähe zu kommen.
»Du wirst es herausfinden, wenn Du mich begleitest. Erklärungen kosten zuviel Zeit. Besser, ich zeige es Dir.«
»Was willst Du mir zeigen?« Priska kann ihre Ungeduld kaum verbergen.
»Alles. Aber dazu bedarf es mehr als diesen einen Traum.«
»Ich kann mich nicht erinnern, dass Du Dich früher je so kryptisch ausgedrückt hättest.« Priska flüchtet sich in ihren Alltagssarkasmus. Er hilft ihr, bei Verstand zu bleiben. Es spielt keine Rolle, ob sie schläft. Nicht nur der siebte Sinn, sondern auch alle übrigen signalisieren ihr, dass real ist, was sie gerade erlebt. Eine andere Wirklichkeit als ihre gewohnte, aber nicht weniger echt.
Inzwischen hat sie Ranieri erreicht. Noch immer hält er ihr seine Rechte entgegen und provoziert Priskas Berührung nahezu. Nun denn. Forsch taucht sie mit ihren Fingern in das flackernde Abbild von Ranieris Hand ein und hat im selben Augenblick das Gefühl, als würde er sie mit einem Defibrillator attackieren. Zusammen mit dem elektrischen Schlag jagt eine Welle von Liebe und Schmerz durch ihren Körper. Sie weiß nicht, ob es sich hierbei um ihre eigenen Gefühle oder die ihres ehemaligen Geliebten handelt. Sein durchdringender Blick geht ihr durch Mark und Bein und es dauert einen Moment, bis sie erkennt, warum er plötzlich so präsent ist: Ranieris Gestalt wirkt nicht länger wie eine lose zusammenhängende Masse unzähliger flimmernder Partikel. Die Konturen werden von Sekunde zu Sekunde klarer und die transparente Nachbildung seines Körpers weicht zunehmend einem Menschen aus Fleisch und Blut. Zumindest scheint es so. Ranieri ist tot und seine Leib längst zu Knochen und Staub zerfallen. Eine diffuse Traurigkeit erfasst sie.
Zugleich registriert sie erstaunt, dass er nicht jünger wirkt als sie selbst. »Können Geister altern?« Die letzten Worte hat sie laut ausgesprochen. Wobei auch das nebensächlich sein muss. Sie träumt und all dies spielt sich in ihrem Kopf ab. Ranieri entspringt und sitzt in ihrem Unterbewusstsein. Oder nicht?
»Eine Seele hält nichts von Chronologie. Mal bin ich 20, dann 5 und kurz darauf 80. Und bisweilen entsprechen mein Alter und mein Erscheinungsbild tatsächlich den Jahren, die ich auf dieser Erde weile. Lebendig und tot.«
© Federfarbenfee / Mary Vianelli

Wollt Ihr noch mehr lesen, dann schaut doch mal bei der Federfarbenfee vorbei :

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen