Mittwoch, 4. Mai 2016

text extracts - Svea Kerling

»Es ist alles in deinem Kopf!« Ja, mein Gott, natürlich ist alles in meinem Kopf. Ich bin krank, jedoch nicht verrückt. Noch kann ich unterscheiden. Nur es ändert nichts, weil es NUR in meinem Kopf ist. Ich weiß, dass die Monster sich nicht unter meinem Bett verstecken. Sie lauern in meinem Kopf.
Fragt mich nicht, ob es mir gut geht, ob ich okay bin, sonst könnte ich etwas Dummes machen. Könnte erzählen, wie es mir geht. Wie es ist, die Dunkelheit zu lieben, wie es ist, zur Dunkelheit zu werden. Wie es ist, zu fallen, am harten, kalten Boden aufzuschlagen. Wie es ist, wenn frische Wunden aufgerissen werden. Ich würde erzählen, wie es ist, von Monstern gejagt zu werden. Welche Gestalt sie annehmen können, um mich zu täuschen. Wie es ist, wenn einem die Luft wegbleibt. Wenn man sich wehrt, trotz dem innigen Wunsch, loszulassen. Wie es ist, den Schmerz zu lieben, weil er der Einzige ist, auf den ich mich verlassen kann. Er ist immer für mich da. Weißt du, wie es ist, innerlich tot zu sein, aber zu lebendig, um zu sterben? Weißt du wie es ist, zu lächeln, wenn dich der Schmerz in deinem Inneren zum Wahnsinn treibt? Du am liebsten einfach nicht da wärst, unsichtbar. Willst du das alles wissen? Oder willst du nur ein »Es geht mir gut« hören? »Ich bin okay.« Dann kannst du mich mit beruhigtem Gewissen verlassen. Ich lächle dich an, doch ich weine innerlich. Unsichtbare Tränen aus Blut. Mein Schmerz wächst. »Verschwinde, geh weg«, denke ich. »Lass mich in Ruhe.«
»Versprichst du mir, dich nicht wieder zu schneiden?«
Ja, kein Problem. Sieh her. Meine Arme sind okay.
Aber du willst nicht wissen, wie meine Beine aussehen.
»Super, ich bin stolz auf dich, dass du dich nicht mehr schneidest. Das ist nämlich kindisch. Du hast genug Aufmerksamkeit.«
Du kannst mich nicht verletzen, nicht mehr. Mein Herz schlägt zwar, doch ich bin innerlich schon längst gestorben. Bevor das Leben mich tötet, töte ich mich selbst.
Ich schließe meine Augen. Es ist ein dunkles Paradies. Es blühen schwarze Rosen. Der Himmel versteckt sich hinter dunklen Wolken. Ich muss keine Angst haben, dass die Sonne hervorkommt. Hier gibt es keine Sonne. Nicht hier in meiner Welt. Ein zarter Nebelschleier liegt über der grauen Wiese. Ich berühre eine Rose. Sie ist so schön. So unwahrscheinlich schön. Ich merke nicht, dass die Blüten scharf wie Rasierklingen sind. Blut tropft auf den Boden und verschmilzt mit der dunklen Erde. So schön. Sie brauchen kein Licht, um zu leben. Sie sind einfach da. Sie sind einfach nur schön. Sie haben keinen anderen Grund, sie brauchen keine Daseinsberechtigung. Keine Erklärung, warum sie anders sind. Sie sind einfach da und wunderschön. Niemand fragt nach dem Warum. Und es ist gut so.
© Svea Kerling
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