Samstag, 27. August 2016

Geburtstag Widerwillen

Ich lief, was das Zeug hielt. Jeden Tag Stunden lang, bei Wind und Wetter. Zweimal am Tag umkreiste ich panisch hechelnd den Baggersee. Ich lief vor meiner Angst, nein vor mir weg. So verpackte ich die Diagnose Hydronephrose auf meine Art und Weise. Mir rann die Zeit davon. Nur noch drei Wochen bis zum 24.09., dann würde ich meine linke Niere für immer verlieren. Ich wurde noch nie operiert und ich war noch nie wirklich krank. Es überforderte mich und machte mir Angst.
Meine Sorgen und Ängste griffen mich bevorzugt nachts an. Es gab kein entkommen, sie lauerten zähnefletschend in der Dunkelheit und warteten auf den günstigsten Moment. Nervös lief ich dann in der hell beleuchteten Wohnung hin und her, versuchte sie verzweifelt abzuschütteln, bis ich völlig übermüdet auf dem Sofa einschlief. Aus Verzweiflung aß ich nicht mehr und hungerte mich in nur wenigen Wochen auf 43 kg runter. Meine Familie und Freunde machten sich große Sorgen. Doch ihr wohlgemeinter Zuspruch und Trost prallte an mir ab. Vergeblich versuchte ich meine schrägen Gedanken über den Tod und meine Beerdigung zu sortieren, die jederzeit über mich herfielen wie ein Rudel hungriger Wölfe. Ich malte mir aus wie es ist zu sterben, wie es ist begraben zu sein. Die Gedanken erdrückten mich. Ich zog mich immer mehr zurück. Die Tage rauschten an mir vorbei, alles ging mir zu schnell. Schon stand der Op-Termin vor meiner Tür und ich fand mich in einem dünnem Nachthemdchen gekleidet im Op-Saal der Uniklinik Göttingen wieder. Der Anästhesist plapperte irgendetwas, dann kam die große Spritze. Randvoll mit weißem Zeug, was mir in die Vene gejagt wurde. Das Narkosemittel wirkte rasch. Für einen Moment war ich frei. Frei von meinen Gedanken, von meinem Schmerz und Leid. Wie ein Blatt in einer lauen Sommerbrise ließ ich mich treiben. Mir wurde warm. Ich fühlte mich wohl und geborgen. Vier Stunden später wachte ich im Aufwachraum auf. Verschwommen sah ich die besorgten und ernsten Gesichter meiner Eltern über mir. Ich ertrug ihren Anblick nicht und bat sie zu gehen.
Anderthalb Tage schlief ich und wachte an einem grauen Morgen wieder auf. Passend zu meiner Stimmung. Erschrocken sah ich, dass an mir Schläuche hingen. Ich bewegte mich und schrie auf. Der Schmerz traf mich unvermittelt, so mussten sich also die Ritter nach einem Flankenhieb fühlen. Vorsichtig fasste ich mir an die Seite und spürte einen überdimensionales Pflaster. Langsam fuhr ich mit den Fingerspitzen darüber. Ich spürte eine Reihe Klammern, die mein Fleisch und die Haut meiner linken Körperhälfte zusammenhielten. Bedrückt sah ich mich in dem Zimmer um. Ich kam mir vor, als hätte ich eine Zeitreise gemacht. Das Zimmer war karg und wie in den 1970zigern eingerichtet. Hellgrüne Wände, orangefarbene Vorhänge an den Fenstern und eine Waschgelegenheit, die von ein orangefarbener Vorhang mit ockerfarben Muster abgerundet wurde, vervollständigten meinen Eindruck. Es klopfte, mein Vater trat ins Zimmer. Bedrückt, jedoch grinsend stand er vor mir. » Wie geht`s meinem Mädchen?« »Den Umständen«, gab ich knapp wieder. »Wollen wir eine rauchen?« »Ja!« Ich drückte den Knopf, der mir eine Schwester herbeizauberte. Lächelnd kam sie herein. »Ich möchte aufstehen!« »Warten Sie einen Moment.Da muss ich erst Fragen.« Dann verschwand sie wieder. Fünf Minuten später kehrte sie mit einem Rollstuhl zurück. Mein Vater und die Schwester halfen mir auf. Wieder traf mich der Schmerz. Ich biss die Zähne zusammen, ich wollte unbedingt aus diesem tristen Zimmer. Mit wackeligen Beinen stützte ich mich am Griff des Rollstuhls ab. Die Schwester befestigte meine Infusionen und den peinlichen Katheterbeutel. Zufrieden legte sie eine leichte Decke auf meinen Schoß. Schon schob mich mein Vater denn nach Desinfektionsmittel riechende Gang entlang.
Dichter Qualm schlug uns entgegen, als wir den Raucherraum betraten. Genüsslich zog ich an meiner Zigarette. Meine Lungen füllten sich mit den beruhigenden Rauch. Mein Vater redete nicht viel, dafür war ich ihm heute besonders dankbar. Wir blieben noch zwei weitere Zigaretten dort, dann brachte mich er mich ins Zimmer zurück. Vorsichtig half er mir ins Bett und drückte mich sanft, »Morgen komm ich mit Deiner Mutter! Sie muss sich auch erst einmal beruhigen.« Ich konnte meine Mutter verstehen. Die Situation war nicht einfach für sie. Es war schwer für sie ihr Kind so zu sehen. Auch sie brauchte Zeit, um ihre Sorgen und Ängste zu verarbeiten. Kaum lag ich wieder im Bett, betrat ein Tross murmelnder Ärzte in wallenden weißen Kitteln mein Zimmer. Amüsiert und entgeistert beobachtete ich die Szene. Zwölf junge Mediziner und ein ergrauter Stationsarzt standen im Halbkreis vor mir. Der Stationsarzt sprach in schneller kryptischer Sprache und die anderen beeilten sich die Hieroglyphen aufzumalen, die er von sich gab. Der Stationsarzt setze sich in Bewegung, konzentriert dreinschauende Gesichter folgten ihm. So lief er referierend im Raum auf und ab, schon schritt er zur Tür und ging. Im Gänsemarsch folgten ihm die Jungen. Wenn der Kuchen spricht, haben die Krümel Pause, dachte ich. Ruhe breitete sich im Zimmer aus und ging in Melancholie über. Ich schloss die Augen. Gedanken stürmten auf mich ein. Jetzt hatte ich nur noch eine Niere. Was ist, wenn auch sie bald nicht mehr richtig funktioniert? Was ist, wenn ich an die Dialyse muss? Damit bin ich dem Tod einen Schritt nähergekommen. Ein Bild tauchte vor meinem inneren Auge auf, wie ich an einem piependem Gerät mit Schläuchen saß. Krampfhaft versuchte ich an etwas anderes zu denken. Ich zählte die Tage bis zu meiner möglichen Entlassung, doch das Bild wollte einfach nicht verschwinden. Ein dicker Kloß bildete sich in meinem Hals. Am liebsten hätte ich meine Wut und Trauer herausgeschrien. Tränen rannen mir übers Gesicht. Schluchzend lag ich in meinem Bett und schlief irgendwann ein. Ein zaghaftes Klopfen weckte mich. Es war bereits dunkel, als im Zimmer das kalte Licht anging. Verweint und zersaust richtete ich mich stöhnend auf. Meine Freunde standen gestriegelt und gestylt in ihren besten Petticoats und Lederjacken vor mir. Grinsend hielten sie eine Schokotorte mit einer Kerze in der Hand. Leise sangen sie für ihre kleinen Metallhead »Happy Birthday«. Wie recht sie hatten. Ich lachte und weinte zugleich.
© Lorelay Lost 

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