Donnerstag, 10. November 2016

Das Würfelspiel


Der Tod trat in die Sphäre der ewigen Stille. Die Lichter an der hohen, gewölbten Decke erzitterten. Lächelnd rückte er seinen Stuhl zurecht, als er sich setzte. Gelassen sah er zu seiner immerwährenden Geliebte, das Leben. Sie saß bereits am runden Tisch, schön und grausam wie ein kalter Wintermorgen. »Wo warst Du?«, wollte sie wissen. »Geschäfte«, winkte er ab. Sie nahm die drei Würfel in die Hand und inspizierte sie. »Glaubst Du ich betrüge?«, fragte der Tod leicht erzürnt. Amüsiert schürzte sie ihre vollen Lippen, »Bei Dir weiß man nie!« Wirbelnd umkreisten die Würfel ihre langen Finger. Zu gut erinnerte sich das Leben an die erbitterten und leidenschaftlichen Kämpfe, die sie einst in der Welt der Menschen austrugen.
Bei ihrem letzten Kampf fügten sie der Erde tiefe klaffende Wunden zu. Feuerstürme jagten wild über sie und verschlangen gierig die letzten Leben. Grollend bäumte sie sich auf. Kampfesmüde sahen der Tod und das Leben der Erde beim Sterben zu. Da wussten sie, dass sie zu weit gegangen waren.
Missgelaunt führte der Tod seine Armeen und die Toten in sein Reich zurück. Hingegen das Heer des Lebens dem Planeten neues Leben einzuhauchen versuchten.
Eines Tages schickte der Tod schickte einen Botschafter zu seiner ewigen Liebe. Und so kam es, dass sie sich in der Zwischenwelt trafen. Dort berieten, stritten, liebten und hassten sie sich viele Monde lang. Endlich einigten sie sich und beschlossen über die Schicksale der Geschöpfe der neun Welten ein wenig unkonventioneller zu entscheiden. Beide wussten, dass sie nicht miteinander sein, aber auch nicht ohne einander konnten.  
So erschufen sie die Sphäre der ewigen Stille in der es weder Zeit noch Raum gab, noch Licht oder Schatten. Nur die Leben der Geschöpfe der neun Welten funkelten an der Decke wie ein Sternenmeer.
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»Du kennst mich zu gut«, grinste der Tod und zog genüsslich an seiner Knochenpfeife. Aus den Rauchschwaden entstand eine schwarze Pergamentrolle. Er tippte sie an und sie entrollte sich wabernd auf dem Tisch. Golden leuchteten die Namen auf ihr auf. »Um die geht es Dir heute?«, vergewisserte sich das Leben. »Ja!«, betätigt er knapp. »Gut, dann lass uns sehen, wer auf meiner Liste steht.« Sie stand auf und griff in die Decke der Lebenslichter. Eine schneeweiße Perle kam zum Vorschein. Sie hielt sie zwischen ihren Finger und ließ sie auf ihre Handfläche rollen. Ein makellos weißes Papier entfaltete sich in ihrer Hand. Der Tod nickte. Das Leben schloss ihre Augen, »Wie immer?« »Wie immer, zweimal darfst Du würfeln, drei Einsen bedeuten Leben, drei Sechen den Tod«, bestätigte er ruhig. Das Leben nickte und wollte ihm die Würfel reichen, »Nein, in der heutigen Nacht beginnst Du!« Liebevoll blickte sie dem Tod in die unergründlichen schwarzen Augen, »So soll es sein!«

©Lorelay Lost

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